| Weg Angefangen hat es für
die meisten von uns am 17. März 2003. Die einen rieben sich beim Blick in
die Zeitung verwundert den Schlaf aus den Augen, andere lasen in der
Mittagspause davon, und wieder andere wurden vielleicht durch Freunde
auf den Artikel im Tages Anzeiger aufmerksam gemacht: «Erotik gegen
Geld – Behinderte sollen Angebote bekommen», stand da, und dass Pro
Infirmis so genannte Berührerinnen ausbilden will. «Sie sollen», sagt Angela Fürer
(Geschäftsführerin von Pro Infirmis Zürich) , «körperlich oder
geistig behinderten Menschen durch Zärtlichkeit, Körperkontakt und
Anleitung zur Selbstbefriedigung helfen, ihren Körper zu geniessen.»
Sie bieten Massage, Körperkontakt, Streicheln und Umarmen an. Nicht
aber Geschlechtsverkehr und Oralkontakt. Damit
wurde in der Schweizer Presse eine Lawine der Polemik
losgetreten, in der es oft ziemlich an der Sache vorbei ging, und
auch Fachkreise und Betroffene wussten einiges gegen das Projekt
einzuwenden. Aber dieser Artikel hat auch viel positives Echo ausgelöst, und rund 300 Personen angesprochen, die sich für die Ausbildung zur Berührerin oder zum Berührer interessierten. Rund 120 Menschen wurden zu einem ersten Gespräch eingeladen. Nach einem dreistufigen
Assessment Verfahren (Prozess zur Bewertung und Messung von Personen)
blieben sechs Frauen und vier Männer, die dann die halbjährige
berufsbegleitende Ausbildung absolviert, und am 18. Juni 2004 das
Zertifikat bekommen haben. Aber ganz so reibungslos sollte diese Pionier-Geschichte nicht geschrieben werden können. Die Termine für die sechs Ausbildungsblöcke standen fest, und die Zertifikat–Übergabe war für den 3. Dezember 2003 (Tag der Behinderten) geplant. Die Stimmung unter uns
war freudig, im Bewusstsein etwas Neues und Einzigartiges vor uns zu
haben, aber auch im Bewusstsein, dass unsere Ausbildnerin, die
Sexualbegleiterin Nina de Vries uns an unsere eigenen Abgründe und
Behinderungen führen wird, wie wir es im Einführungsworkshop bereits
erfahren hatten... Dann kam der Dämpfer: Mitte August 2003, ein paar Tage vor unserem ersten geplanten Ausbildungsblock, wurden wir von Pro Infirmis Zürich darüber informiert, dass das Projekt Berührerin um ca. zwei Monate verschoben werden muss. Grund: Pro Infirmis Schweiz verlange, dass sich die Ausbildung auf eine breitere Basis von Organisationen und Personen abstützt. Denn offenbar musste die Organisation einen massiven Spendenrückgang hinnehmen, der mit dem Berührerinnen-Projekt im Zusammenhang stand, obwohl dafür keine Spendengelder eingesetzt werden sollten. Wir haben uns dann am geplanten Wochenende mit Nina de Vries sozusagen privat getroffen, damit unser Elan und Mut für die Ausbildung nicht verloren geht. In der Öffentlichkeit galt das Berührerinnen-Projekt mit der Zeit als mehr oder weniger gestorben, und auch wir waren lange ohne konkrete Informationen darüber, wie es weiter gehen sollte. Ende Oktober 2003 kam dann der Bescheid, dass das Projekt BerührerInnen eine neue Trägerschaft gefunden hat. Dr. Aiha Zemp, Psychotherapeutin und Forscherin auf dem Gebiet Behinderung und Sexualität, wird in der Schweiz die Fachstelle mit Trägerverein «Behinderung und Sexualität/gegen sexualisierte Gewalt» - kurz FaBS - aufbauen. Die Ausbildung zur Berührerin/zum Berührer soll darin integriert werden. Nach Abschluss der
Ausbildung ist es vorderhand jedoch nicht mehr Aufgabe des Fördervereins,
dieses Projekt weiterhin mit zu tragen. Anfragen werden
jedoch an uns weitergeleitet. Mit dem Wechsel der Trägerschaft kam auch ein Wechsel der Berufsbezeichnung. Die BerührerInnen heissen nun offiziell SexualassistentInnen. Einige werden sich jedoch weiterhin BerührerInnen oder SexualbegleiterInnen nennen. Wichtig: Sexualassistenz oder Sexualbegleitung ist keine Sexualtherapie. Es geht bei dieser Arbeit nicht um das therapieren von Sexualstörungen, sondern darum, ein sinnlich/erotisches Erlebnis zu ermöglichen. Wobei die Übergänge von berühren zu beraten fliessend sein können. Assistenz heisst, dass die Initiative von der betroffenen Person aus geht. Assistenz bedingt, im Gegensatz zu Betreuung, ein aktives Verhalten der AssistenznehmerInnen. Im Zusammenhang mit Sexualassistenz kann das heissen, dass Betroffene genau formulieren, welche Art von erotisch/sexuellen Diensten gewünscht werden, und die Sexualassistenz führt das, in ihrem Rahmen, genau in der gewünschten Art und Weise aus. Berühren/begleiten kann heissen, dass Menschen von Mustern und Erwartungen weg kommen, und sich davon überraschen lassen, was der Moment bringt. Sexualbegleitung
kann in gewissem Sinn auch heissen
«jemandem etwas zeigen» bzw. jemanden durch Begleitung und Unterstützung
«dahin zu bringen, wo er gerade hin will, aber nicht selber kann» und
damit den Beziehungsaspekt mit einschliesst. Im Januar 2004 konnten wir mit der Ausbildung zur BerührerIn/SexualassistentIn beginnen. Wir haben spannende, traurige, berührende, ernüchternde, schmerzhafte, lustvolle, unangenehme... Ausbildungsblöcke erlebt, die zur Hauptsache auf Selbsterfahrung beruhten. Nina de Vries sagte dazu folgendes: «Diese Ausbildung ist ein tiefer Selbsterforschungsprozess. Da ich davon ausgehe, dass ich diese verantwortungsvolle Arbeit nur angemessen und gut ausüben kann, wenn ich mich reflektiert habe, und immer wieder bereit bin, es zu tun. Wenn ich gelernt habe,
mich zu beobachten, wenn ich mitkriege, wie ich atme, wie meine Körperhaltung
ist, welche Gedanken mir durch den Kopf gehen, welche Gefühle da sind,
und ich mir bewusst bin über eventuelle Projektionen, Erwartungen,
Absichten usw. dann kann ich ein intimes Erlebnis für jemand anderen
gestalten.» Ausbildungsthemen waren unter anderen: • Schonungslose Bereitschaft zur Ehrlichkeit mit uns selber und den anderen • Vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität • Erkennen von Mustern im sexuellen Erleben und in Beziehungen • Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper • Auseinandersetzung mit Ängsten, Trauer, Freude, Wut, Macht, Helfer-Syndrom • Erkennen der eigenen «Behinderungen», Motivationen • Meditationen • Bewusstseins-Training für Sensitivität, Achtsamkeit und Wahrnehmung von Impulsen
Jede
und jeder von uns BerührerInnen/SexualassistentInnen übt diese Arbeit
auf ihre Art und Weise aus. Einige halten sich strenger an den
Assistenz-Gedanken, andere verknüpfen ihr Angebot mit dem, was sie zu
diesen Themen bereits mitgebracht haben, und wieder andere werden
vielleicht etwas ganz Neues kreieren. Einige arbeiten ausschliesslich
mit Menschen mit Behinderung, andere mit allen Menschen. Es
lohnt sich also, genau nachzufragen wer was anbietet, oder sich in
unsere persönlichen Homepages zu vertiefen. Wir danken allen Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise für das Berührerinnen-Projekt eingesetzt, und die uns ideell mitgetragen haben. Wir danken unseren LebenspartnerInnen und Kindern, dass sie sich durch Polemik nicht haben beeinflussen lassen, sondern hinter uns und unserer Arbeit stehen, so wie sie es können. Und namentlich danken wir unserer Ausbildnerin Nina de Vries, für ihre Klarheit, ihren Mut und ihre Liebe. Und Angela Fürer, Geschäftsführerin von Pro Infirmis Zürich, für ihr Kämpfen, und Aiha Zemp für ihr Retten.
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